ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Kommentar Prof. Dr. Werner Lindner, FH Jena

Veröffentlichung „Sind Freizeitzentren eigenständige Verstärkungsfaktoren der Jugendgewalt?“ von Christian Pfeiffer, Susann Rabold und Dirk Baier

Von Prof. Dr. Werner Lindner

1. Auf einer allgemeinen Ebene folgen die neuerlichen Einlassungen von Herrn Pfeiffer einer sich seit geraumer Zeit Deutungshoheit verschaffenden Dominanz kriminologischer bzw. devianzorientierter Mentalitätsformationen, die sich in bislang beispielloser Weise selbst ermächtigt, über als „Vorschläge“ getarnte Anmaßungen auf Felder der Schul- und Sozialpädagogik Einfluss zu nehmen und dorthin überzugreifen.

Wo eine angemessene Jugend- und Sozialforschung nicht (mehr) existiert, wird diese offensichtlich sukzessive durch die Kriminologie überformt und schließlich ersetzt, welche sich nicht nur in – wie auch immer fragwürdigen - empirischen Forschungen erstreckt, sondern sich darüber hinaus bemüßigt fühlt, Anregungen und Hinweise zur Ausgestaltung schul- und sozialpädagogischer Arbeitsfelder abzugeben. Hier verwischt sich dien Grenze zwischen seriöser Forschung und missionarischer Absicht, die sich überhebt und Politik machen will.

2. Herr Pfeiffer und seine Mitarbeiterschaft sind von Haus aus Kriminologen und in dieser Profession geachtet und ausgewiesen. Die (unvermeidliche) Kehrseite dieser Reputation ist eine weitgehende bis komplette Ahnungslosigkeit in Bezug auf die differenzierten professionellen Diskurse der Sozialpädagogik, hier insbesondere der Kinder- und Jugendarbeit, mitsamt ihren Strategien, Problemen und Perspektiven.

Die Kinder- und Jugendarbeit ist weit davon entfernt, sich Anregungen zu ihrer eigenen Weiterentwicklung zu verschließen. Allerdings ist die Kinder- und Jugendarbeit nicht bereit, sich ernsthaft mit den ungebetenen Einlassungen von Dilettanten zu befassen, denen es jeglicher professioneller Diskussionswürdigkeit ermangelt. (Anmerkung W.L.: Genau das aber wird paradoxerweise mit einer solchen Entgegnung geleistet.) Dies gilt für die naiv-unbedarften Privatäußerungen des „kleinen Mannes von der Straße“ ebenso wie für Einlassungen zur Kinder- und Jugendarbeit etwa von Bäckermeistern, Straßenbahnschaffern, Zahnärzten und Nuklearphysikern – oder eben auch Kriminologen.

3. Aus Respekt vor der Dignität dieser Profession – würde es sich etwa die Kinder- und Jugendarbeit nicht erlauben, gleichermaßen naiv und vice versa in fachwissenschaftliche Interna der Kriminologie, deren Ergebnisse sie durchaus mit Interesse verfolgt, zu intervenieren.

Dieser Respekt ist Herrn Pfeiffer offensichtlich seit Längerem abhanden gekommen. Er mag seine, leicht manisch grundierte, Privatmeinung zur Kinder- und Jugendarbeit haben – und kann diese selbstverständlich im privaten Kreis äußern. Die Vermischung dieser Privatmeinung mit seltsam konstruierten kriminologischen Befunden, die im Gewand seriöser, quasi-wissenschaftlich-„objektiver“ Tatbestände einhergeht, überschreitet jedoch die Grenze eines glaubwürdigen und damit ernst zu nehmenden Diskussionsbeitrages. Welche Anstrengungen Herr Pfeiffer u. Mitarbeitschaft unternehmen, um ihre Befunde in die von ihm gewünschte Richtung zu zwingen erschließt, sich nicht zuletzt in einer Fülle von Textstellen, in denen empirisch valide Erkenntnisse all zu oft durch prekäre Vermutungen und vage Hypothesen ersetzt werden:

● " ....auch der Aufenthalt in Freizeitzentren erscheint (!) (...) eher unstrukturiert“

● "Die These, dass Freizeitzentren zumindest nicht zur Verringerung der Gewaltbereitschaft beitragen, liegt nahe (!)..."

● „... wobei die Richtung des Pfeiles die vermutete Wirkrichtung (!)...."

● „Es erscheint auf der Basis dieser Ergebnisse angebracht (!)“

● „Wir können nur vermuten (!)....

Wirklich perfide geraten diese solchermaßen konstruierten „Argumente“, sofern sie auch noch mit dem scheinheiligen Anliegen einer „sachlichen Diskussion“ vorgetragen werden.

4. Schließlich:
Warum gerade Jugendliche seit geraumer Zeit aus dem Fokus einer verantwortungsvoll gestaltenden Politik (und den hiermit verbundenen Finanzverpflichtungen) verschwunden sind, warum sich in Jugendfreizeitstätten vorgeblich (nur noch?) Jugendliche mit sozialen Benachteiligungen aufhalten, ob sich in dieser Hinsicht die Kinder- und Jugendarbeit gar (konträr zu ihrem gesetzlichen Auftrag gemäß SGB VIII !) zu einer Art Devianz- oder Präventivpädagogik entwickelt; all dies sind zweifellos notwendige Diskurse, die innerhalb der Profession und im Dialog mit Politik zu führen wären - nicht aber mit einer sich selbst entgrenzenden Kriminologie. (So sind gerade in Niedersachen wie auch in der primär vom KFN untersuchten Landeshauptstadt Hannover seit Jahren die weitgehende Handlungsunfähigkeit bzw. Abwesenheit und das Desinteresse einer angemessenen Kinder- und Jugend(arbeits)politik zu verzeichnen, welche sich im Zweifelsfall über Kürzung, Befristungen und Abbau, nicht aber über verantwortungsvolle Gestaltung charakterisiert.)

Ob und in welcher Form die Kinder- und Jugendarbeit sich in Kooperationen mit Schule einlässt, ob und in welcher Form auch sozialräumliche konzentrierte Settings sinnvoll sind, welche Perspektiven, aber auch welche Risiken und Nebenwirkungen hier zu antizipieren sind, wird in den internen Diskursen der Kinder- und Jugendarbeit sorgfältig geprüft. Diese Diskurse (und die daraus abzuleitenden Praxiseffekte) folgen jedoch ausschließlich sozialpädagogischen und nicht kriminologischen Prämissen. Der hier vorschnell, pauschal und unbedarft sekundierenden Einlassung von Herrn Pfeiffer bedarf es hierbei nicht.


5. Ein Gutes hat die ganze Sache für die Kinder- und Jugendarbeit immerhin: Solange noch öffentliche Mittel zur Finanzierung derart verquasten Unfugs wie der Pfeifferschen „Studien“ zur Verfügung gestellt werden, kann die allerorten vermeldete „Katastrophe der öffentlichen Finanzen“ so schlimm wohl noch nicht sein. Nur für den Fall, dass es wieder einmal heißt, für die Kinder- und Jugendarbeit wäre kein Geld da....



16. Oktober 2008

Punkt 5 wurde am 14. Dezember 2008 ergänzt.

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 22. April 2009

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