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Pferdehaltung: Bei&er lernt Sozialverhalten

Rondo biss seine Herdengenossen. Doch hinter dem vermeintlich aggressiven Raufbold steckt eine unsichere Seele. Wege aus der Krise...

Von Bibi Degn

"Mein zwölfjähriger Holsteiner-Wallach Rondo ist sehr dominant und spielfreudig gegenüber anderen Pferden: Er will sie häufig zwicken und beißen. Das hat bereits mehrmals zu Verletzungen geführt.

Nun muss ich entscheiden, welche Haltungsform für ihn die beste wäre:

  • Box (wobei die anderen Pferde zusammen Weidegang haben);
  • zweistündiger täglicher Weidegang zusammen mit der Herde, was jedoch bisher zu mehreren schweren Beinverletzungen und chirurgischen Eingriffen geführt hat;
  • Einzelkoppel (in Nachbarschaft mit anderen Pferden) rund um die Uhr, was für Rondo einen sehr hohen Stressfaktor beinhaltet, da er nachts sehr ängstlich ist.

An der Hand, beim Führen und bei der Bodenarbeit sowie unter dem Sattel ist mein Wallach ein absolut gehorsames und braves Pferd."

Name ist der fs-Redaktion bekannt.

Antwort von TTeam-Practitionerin Bibi Degn:

Es gibt durchaus Situationen, in denen Gruppenhaltung nicht zu empfehlen ist, weil ein Tier die Sicherheit der Herde gefährdet.

  • In diesem Fall würde ich überlegen, ob Sie Ihr Pferd vielleicht in eine kleine Koppel innerhalb der Weide stellen oder ähnliche Lösungsansätze versuchen wollen.
  • Bedenken würde ich auch in jedem Fall, dass der Zaun so gestaltet sein muss, dass Ihr Pferd Kontakt zu den anderen Pferden aufnehmen kann.
  • Weiterhin empfehle ich, einem gezwungenermaßen einzeln gehaltenen Pferd auch regelmäßig und zuverlässig Körperkontakt in Form von TTouch oder einer anderen qualitätsvollen Berührung zukommen zu lassen.

Doch darüber hinaus möchte ich grundlegend ein paar Gedanken zu dem Problem an sich entwickeln und darstellen, wie man mit Hilfe der TTeam-Methode vorgehen könnte:

Rondo hat Stress mit seinem Sozialkontakt, und zwar sowohl, wenn die Möglichkeit zu Kontakt da ist, als auch, wenn Kontakt nicht möglich ist. Warum, das bleibt offen.

Eigentlich sind Pferde friedliebend

Pferde sind in der Regel friedliche, soziale, vorsichtige und rücksichtsvolle Artgenossen. Auch im Falle ernsterer Konflikte überwiegen spielerische Elemente zum Erkennen der Stärken und Schwächen des anderen, um abzusehen, ob das Pflegen der Beziehung erstrebenswert ist oder nicht, oder ob eine Gefährdung der eigenen Interessen vorliegt.

Nur vereinzelt sehen sich Pferde genötigt, ihren Artgenossen ernsthaft zu bedrohen oder zu verletzen.

Unsicherheit macht aggressiv

Solche Einzelfälle treten in Gefangenschaft häufiger auf, zum einen durch das dauernde Wechseln der Herdenmitglieder. In freier Natur sind Herdenmitglieder fast ausschließlich Familienmitglieder.

Zum anderen ist das Sozialverhalten unserer Pferde gezeichnet durch die begrenzten Lebensräume. Räumliche Enge aber verändert das Sozialverhalten, mehr noch bei Hengsten (und in unterschiedlich ausgeprägter Form auch bei Wallachen), die in der Regel viel Raum für sich beanspruchen.

Was häufig als "dominantes Herdenverhalten" gedeutet wird, mag das Gegenteil sein: nämlich eine aus Angst resultierende aggressive Gereiztheit. Denn Dominanz, die auf Selbstsicherheit basiert, lässt Souveränität erkennen. Ihre Beschreibung von Rondo lässt ihn nicht als souveränes Pferd aussehen.

... deshalb: das Selbstwertgefühl stärken

Aber die gute Seite ist: Souveränität bringt Großzügigkeit mit sich, großzügig kann ich sein, wenn ich angstfrei bin - und genau daran kann ich arbeiten bei Pferden!

Um angstfrei und souverän zu sein, brauche ich ein gesundes Selbstwertgefühl. Dieses wiederum kann ich nur haben, wenn ich überhaupt ein Gefühl für mich habe. Ein Pferd, das andere Pferde oft verletzt, hat vielleicht kein sehr gutes Gefühl für sich selbst. Körperliche und seelisch-geistige Zustände gehen in der Regel Hand in Hand.

Erst die Körperarbeit

Den ersten Ansatz würde ich körperlich suchen: das Pferd durch sorgsame Behandlung mittels TellingtonTouch mit sich selbst in eine gute und stabile Verbindung bringen. Diese Mühe zu investieren wird sich lohnen, denn Sie werden anschließend ein besseres und gesünderes Reitpferd haben.

... dann Bodenarbeit für mehr Bewusstheit

Zusätzlich zur Körperarbeit können Sie Bodenarbeit einsetzen und das langsame und sehr bewusste Benutzen des Körpers schulen. Ungewohnte Bewegungsabläufe schaffen neue Möglichkeiten. Warum ist das wichtig?

Pferde, andere Tiere und Menschen haben ihre Muster, nach denen Verhaltensreihen ablaufen. So hat auch Rondo ein Muster, nach dem seine Begegnungen mit Artgenossen ablaufen.

Verhaltensmuster sind schwer zu knacken

Es ist uns nicht gegeben, diese Muster per Entscheidung zu ändern. Haben Sie sich schon oft gewundert, warum Mitmenschen immer wieder das gleiche Verhalten abspulen, obwohl offensichtlich ist, dass es nicht zum Ziel führt? Haben Sie sich schon oft gewundert, warum der Hund immer wieder kläffend auf das Gartentor losrennt, wenn der Briefträger kommt? Haben Sie sich schon gewundert, warum Ihr Pferd immer wieder in das gleiche Fehlverhalten fällt, obwohl es so gerne mit Pferden leben will?

Das ist die Sache mit den Mustern. Man kann Muster aufbrechen, aber nicht leicht und nicht per Entschluss.

Das manchmal zwanghafte, oft instinktive Verhalten eines Tieres einfach zu bestrafen, das genügt nicht: Denn für das Pferd ist ja keine Alternative da. Das heißt, vorweg muss ich Alternativen aufzeigen und üben.

Pferde haben eine sehr diffizile Ausdruckssprache. Ob ein Pferd sich gegenüber seinem Kollegen aufstellt, seinen Kopf zur Seite dreht, in einem rechten Winkel steht, das andere Pferd ansieht oder nicht, den Kopf und den Schweif hoch oder tief trägt, all das hat sehr viel Bedeutung.

Leider wissen wir wenig darüber, weil wir meist nur nach den Kriterien von dominantem und subdominantem Verhalten schauen. Ein kleiner Fehler in der Kommunikation kann durchaus dazu führen, dass diese schief geht, nach einem immer gleichen Muster abläuft, das sozusagen immer wieder ins Verderben führt.

Alternativen suchen, Vielfalt üben

Da diese Kommunikation zwischen Pferden zu komplex ist, um sie im Detail zu verstehen, kann ich mich nur auf die Vielfalt verlassen: Ich übe mit meinem Pferd auf sehr unterschiedliche Arten, in räumlicher Nähe zu anderen Pferden zu sein. Ich zeige meinem Pferd Alternativen zu seinem Verhaltensmuster auf und lasse es erleben, dass es dabei sicher ist.

Helfer zur Verfügung?

Ich setze nun voraus, dass Ihr Pferd an der Führkette oder am Führseil sicher und fein arbeitet und dass Sie mindestens ein zweites, besser noch mehrere andere Pferde und entsprechend viele Helfer zur Verfügung haben, die mit Ihnen zu üben bereit sind.

  • Bringen Sie (und eine andere Person) Ihr Pferd und ein zweites Pferd zusammen auf den Bodenarbeitsplatz und führen Sie die beiden nebeneinander durch die Hindernisse.
  • Führen Sie sie hintereinander, so dass einmal dieses und einmal jenes Pferd vorausgeht.
  • Führen Sie die Pferde aneinander vorbei, lassen Sie sie sich begegnen. Für diese Arbeit eignet sich das Labyrinth hervorragend, weil die Pferde dabei immer wieder ihre Positionen zueinander ändern.
  • Arbeiten Sie beide Pferde mit verschiedenen Kopfhöhen, und sehen Sie auch, ob sich die Köpfe zu- und abwenden lassen während der Begegnungen. Falls nicht: Üben und dabei den TellingtonTouch einsetzen!
  • TTouches und eine Körperbandage erhöhen die Bewusstheit, das Körpergefühl und das bewusste Denken und Erleben der Situation für die beteiligten Pferde.

Zwei unter einer Gerte

  • Nehmen Sie eine Gerte, stellen Sie die beiden Pferde nahe zueinander auf, und streichen Sie beide Pferde mit der gleichen Gerte aus der Hand der gleichen Person ab (falls nötig, haben Sie das Arbeiten mit einer Gerte übend vorbereitet), das scheint irgendwie eine Verbindung zu schaffen und ist eine sehr gute Vorbereitung für die erste direkte Berührung.

Und dann: die erste Berührung

Für diese erste Berührung stellen Sie die Pferde bitte nicht gegenüber auf und beachten Sie, dass kein Pferd getreten werden kann. Ich würde zunächst wahrscheinlich eine Position nebeneinander oder schräg zueinander wählen, so dass die Pferde sich nur ansehen können, indem sie Augen, Kopf und Hals zur Seite bringen. Lernen Sie, welche Muster dabei ablaufen, und sehen Sie, ob Sie eine breitere Möglichkeit von Verhaltensformen schaffen können.

Neben all den vorher genannten Effekten erreichen Sie bei dieser Arbeit auch, dass die beiden Pferde eine angenehme Zeit miteinander verbringen, was sie auf eine positive Art verbindet.

Besonders die Details abwägen

Bitte beachten Sie bei der Arbeit auch alle jene Details, die ich aus der Ferne nicht beurteilen kann:

Ist es sinnvoll, eine Stute als Hilfspferd zu nehmen? Einen Haflinger? Einen Rappen? Hat Ihr Pferd einen Freund? Welches sind die Situationen, die zu einer Eskalation führen? Soll die erste Berührung der Pferde über eine sichernde Wand erfolgen?

Wo sind die berührungsempfindlichen Stellen Ihres Pferdes? Hat das etwas mit seinem Sozialverhalten zu tun? Können Sie an der Toleranz der Berührung arbeiten durch TellingtonTouch, Körperbandagen und Seile? Kann Ihr Pferd den Kopf und Hals gelassen fallen lassen in der Begegnung mit Pferden? Das Genick wenden?

Gemeinsame Handlungen verbinden

Stellen Sie die beiden Pferde, die Sie miteinander vertraut machen wollen, nebeneinander auf, ttouchen Sie beide. Es klingt, als wäre es nicht viel, und dennoch ist es oft sehr wirksam: Gemeinsame TTouch-Erlebnisse halfen schon sehr oft Tieren der verschiedensten Gattungen, miteinander auszukommen, sich anzufreunden.

Entscheidend für die Erfolge ist immer, dass wir mit der Höhe der Anforderung in einem Rahmen bleiben, in dem das betroffene Tier angstfrei und erfolgreich sein kann. Die Begegnungen müssen freundlich sein und bleiben und eine positive Grundlage in der Erinnerung schaffen. Nur so kann ein Tier das Selbstvertrauen aufbauen, das nötig ist, um aus einem alten Muster herauszukommen und etwas Neues zu probieren.

Also: Warum nicht mal probieren? Und, wenn es gelingen soll: Tun Sie alles, um Rondo in eine Herde mit wenig Wechsel zu stellen!

Hilfe vom Experten

Auf jeden Fall empfehle ich, zur Umsetzung dieser Vorschläge eine Fachfrau oder einen Fachmann dazuzuholen. Im Fall Ihres Pferdes haben Sie viel Verantwortung zu tragen, und ich wünsche Ihnen, dass Sie die nötige Unterstützung von anderen Pferdebesitzer/innen bekommen. Es mag viel Einsatz, Zeit und Geduld Ihrerseits erfordern, aber sowohl Ihr Pferd als auch Sie hätten ansonsten noch viele Jahre der Mühe mit der Trennung von anderen Pferden vor sich!

Die Autorin Bib Degn ist TTeam-Practitioner (Ausbildung bei Linda Tellington-Jones in Deutschland und USA) und Centered Riding -Lehrerin. Studium der Veterinärmedizin (kein Abschluss), Lehramtsstudium mit Lehrtätigkeit, Studium der Psychologie. Unterricht und Reitabzeichen im Bundeshengststallamt Stadl-Paura, Dressur, Springen, Fahren. Wanderreitführerin, internationale Distanzreiterin, Westernreitkurse, merhjährige Arbeit mit Pferden in Andalusien, Schauauftritte. Referentin für das Kuratorium Therapeutisches Reiten, Institut für Soziales Lernen mit Tieren, Sportuniversität Hannover. Mutter von drei Kindern, aktive Reiterin, Hobbyzüchterin. Bibi Degn betreut die Geschäftsstelle der TTeam-Gilde in Deutschland.

Adresse: TT.E.A.M. ® c/o Bibi Degn, Hassel 4, 57589 Pracht, Telefon 02682/8886, Fax 02682/6683, gilde@team.de, www.tteam.de

Vorstehender Beitrag wurde zunächst in der "freizeit im sattel" 10/2002 veröffentlicht. Anschrift: freizeit im sattel - Die Fachzeitschrift rund ums Reiten, Droste-Hülshoff-Straße 3, D-53129 Bonn, www.freizeit-im-sattel.de, Telefon 0228/5301251. Wir bedanken uns bei Bibi Degn und Andrea York von der "freizeit im sattel" dafür, den Beitrag hier einstellen zu dürfen.

Die NAGEL-Redaktion

Dortmund, im August 2003

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