ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Klaus Hurrelmann emeritiert

Beiratsmitglied Professor Klaus Hurrelmann, Universität Bielefeld, emeritiert

Foto: Rainer Deimel
Klaus Hurrelmann während seiner Abschiedsveranstaltung

Mit einer Vorlesung vor einem großen Publikum verabschiedete sich Dr. Klaus Hurrelmann am 21. Januar 2009 an der Universität Bielefeld. Eingeladen waren neben Universitätsangehörigen auch zahlreiche Gäste aus Wissenschaft, Praxis, Verlagen usw. Der ABA Fachverband sieht sich – neben vielen fachlichen Übereinstimmungen – mit Klaus Hurrelmann insbesondere durch seine Mitgliedschaft im Beirat des Verbandes verbunden und war von daher auch bei dieser anregenden Veranstaltung anwesend. Die Reaktion auf die Einladung insgesamt war deutlich größer als erwartet. Der Hörsaal 1 der Universität „platzte förmlich aus den Nähten“, sodass etliche Zuhörer gar nicht mehr hineingelangten.


Blick in den überfüllten Hörsaal Foto: R. Deimel

Klaus Hurrelmann war seit 1980 Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften in Bielefeld, zuvor fünf Jahre lang Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Essen. In Bielefeld hatte er bis 1993 den Lehrstuhl für Sozialisationsforschung an der Fakultät für Pädagogik inne und wechselte 1994 an die neu eingerichtete Fakultät für Gesundheitswissenschaften, deren Gründungsdekan er war. Auch leitete er von 1986 bis 1998 den Sonderforschungsbereich „Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (SFB 227)“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft und baute das „Collaboration Centre for Child and Adolescent Health Promotion“ im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf. Aus dieser internationalen Forschungsarbeit ergaben sich Gastprofessuren für Soziologie an der New York University (New York) und der Cornell University (Ithaca) sowie für Public Health an der University of California in Los Angeles. Seit 2006 ist er Leiter des von ihm mit begründeten Instituts für Gesundheits- und Bildungsforschung mit Sitz in Berlin. Von März 2009 an wechselt er auf eine Professur an der Hertie School of Governance in Berlin.


Klaus Hurrelmann: Abschiedsvorlesung an der Universität Bielefeld Foto: R. Deimel

Seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind die Bildungsforschung mit den Schwerpunkten Sozialisation, Schule, Familie, Kindheit und Jugend sowie die Gesundheitsforschung mit den Schwerpunkten Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitserziehung. (1) Klaus Hurrelmann wurde in Gdingen, dem heutigen polnischen Gdynia, geboren und wuchs in Nordenham auf. Sein Abitur absolvierte er in Bremerhaven. Er studierte Soziologie, Psychologie und Pädagogik an den Universitäten Freiburg, Berkeley (USA) und Münster und promovierte in der Sozialisationsforschung. 1975 habilitierte er sich mit der Arbeit „Erziehungssystem und Gesellschaft”. 2003 erhielt er von der Schweizer Egnér-Stiftung einen hoch dotierten Preis für herausragende wissenschaftliche Forschungsarbeiten.

Die Eröffnung in der Veranstaltung wurde auf zum Teil recht persönliche Weise, zum Teil fachlich vertiefend durch die Dekanin der Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Prof. Dr. Claudia Hornberg, vorgenommen. Seine eigene Einführung garnierte Klaus Hurrelmann mit dem kontemplativen Gedicht der 2005 in Bochum verstorbenen Ruhrgebietsdichterin Liselotte Rauner: „Denkpause“. Dieses Gedicht steht stellvertretend für Klaus Hurrelmanns Ansatz zu arbeiten, zu forschen und zu lehren, ging und geht es ihm doch jederzeit darum, die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu verbessern. Seiner Meinung zufolge werden aus politischer und gesellschaftlicher Sicht die Existenzrechte junger Menschen nach wie vor vernachlässigt oder gar ignoriert; ihre Situation habe sich gegenwärtig eher verschärft denn zum Positiven gewendet. Auch müsse man sich bei „der Jugend von heute“ nicht vor Rebellentum fürchten; vielmehr könne eine eher „zu angepasste Generation“ wahrgenommen werden. Das erwähnte einleitende Gedicht von Liselotte Rauner könnte auch für die Praxis in Jugendarbeit und Schule ein hilfreiches gedankliches Vehikel sein.

Denkpause

Als mein Vater
mich zum ersten Mal fragte,
was ich mal werden will,
sagte ich nach kurzer Denkpause:
„Ich möchte mal glücklich werden”.
Da sah mein Vater sehr unglücklich aus,
aber dann bin ich doch was anderes geworden,
und alle waren mit mir zufrieden.

In der pädagogischen Praxis hält Klaus Hurrelmann es für zwingend, Konzepte der Selbstwirksamkeit aktiv zu fördern. Das stärke junge Leute, ihr Leben verantwortungsvoll und schöpferisch in die Hand zu nehmen. Ferner hält er eine stärkere (politische) Beteiligung von Kindern und Jugendlichen für dringend erforderlich. Vor diesem Hintergrund verwies er erneut auf seine Forderung, das Wahlalter dringend herabzusetzen.

Kann Wissenschaft politische Wirkungen erzeugen? Dieser Frage nachzugehen, verstand sich in diesem Zusammenhang nahezu von selbst. Sie könne es, meint er – bei Weitem allerdings nicht zufriedenstellend. Es komme allerdings darauf an, dass sich die Systeme, in denen Kinder und Jugendliche sich aufhalten (Kitas, Jugendzentren, Ganztagsschulen usw.) diesem Bedarf gegenüber intensiver öffneten und ihre Strukturen entsprechend anpassten. Sie hätten quasi die Funktion des sprichwörtlichen afrikanischen Dorfes (2) zu übernehmen, damit junge Menschen ein Sozialisationsumfeld vorfänden, das ihre Entwicklung konstruktiv unterstütze. Dabei seien von ihnen – wie von der Politik – vor allem auch die Faktoren der Armut, unter denen sie (übrigens als größte betroffene gesellschaftliche Gruppe) litten, in den Fokus zu nehmen. Hier geht es darum, sich den Faktoren, die Armut begünstigen, vermehrt zu stellen. Angesprochen ist materielle Armut, Bildungsarmut und Integrationsarmut, die häufig aus mangelnder Vernetzung des Elternhauses resultiert. Allerdings, so bedauert Klaus Hurrelmann, gebe es in der Regel politische Effekte – stimuliert durch die Wissenschaft – zumeist nur dann, wenn die Politik damit ihre eigenen Wirkungen regenerieren könne. Ansonsten könne man im offiziellen politischen Denken und Handeln Kindern und Jugendlichen gegenüber vor allem Ignoranz und Relativieren feststellen. (3) Das politische System wolle nicht lernfähig sein, sonst müsste es sich eingestehen, dass es in dieser Gesellschaft im Grunde keine Macht habe. Dennoch habe die Wissenschaft „durchzuhalten“, um ihren gewünschten Zielen näherzukommen. Das allerdings könne sie nicht allein – mit Blick auf die Praxis: Es müsse zusätzlicher Druck da sein, um real etwas zu verändern. Auch in dieser Feststellung war ein entsprechender Appell an die Kinder- und Jugendarbeit nicht zu überhören.

Im Laufe seiner Ausführungen stellte Klaus Hurrelmann klar, ein steuerfinanziertes Amt wie das eines Professors sei das „Amt eines Bekenners“; ein solcher habe die Verpflichtung, gesellschaftspolitische Veränderungen zu begünstigen, indem er solch stimulierende Bekenntnisse in die Öffentlichkeit trage.

Abgerundet wurde die Veranstaltung durch ein Podiumsgespräch und schließlich die Verleihung der höchsten Ehrennadel-Auszeichnung durch die Lions Clubs International. Damit wurde Klaus Hurrelmann in einen Exklusivzirkel aufgenommen, dem beispielsweise auch der frühere amerikanische Präsident Jimmy Carter angehört.

Podiumsgespräch (von links nach rechts: Sabine Andresen, Martin Diewald, Klaus Hurrelmann, Hans Günter Rolff und Johannes Siegrist) Foto: R. Deimel

Auf dem Podium sprachen zuvor die Professor(inn)en Sabine Andresen, Kindheits- und Jugendforscherin an der Uni Bielefeld, Martin Diewald, Soziologe an der Uni Bielefeld (einer seiner Forschungsschwerpunkt ist die soziale Ungleichheit), Hans Günter Rolff (Emeritus der Universität Dortmund am Institut für Schulentwicklungsforschung) und Johannes Siegrist, Direktor des postgradualen Studiengangs Public Heath an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Moderiert wurde die Runde von Prof. Klaus Jürgen Tillmann, Emeritus der Universität Bielefeld, ehemaliger wissenschaftlicher Leiter der Laborschule und PISA-Experte. Alle waren sich einig über die bisherige konstruktive Zusammenarbeit mit Klaus Hurrelmann. Sie zeigten sich überzeugt, daran auch in Zukunft fruchtbar anknüpfen zu können.


Moderation des Podiumsgesprächs: Klaus Jürgen Tillmann Foto: R. Deimel

Sabine Andresen legte einen ihren inhaltlichen Schwerpunkte auf die Verstärkung gesellschaftlicher Mitbestimmung und Mitwirkung von Kindern. Martin Diewald betonte insbesondere die Aspekte Sozialisation und Bildung; die Fokussierung der Wissenschaft auf diese betrachte er als besonderes Verdienst im Schaffen von Klaus Hurrelmann in den letzten Jahrzehnten.

Bestätigung fanden die Vortragenden auch bei Hans Günter Rolff, wenngleich dieser darüber hinaus auch kritische Töne gegenüber dem Geehrten anschlug. So könne er nicht nachvollziehen, weshalb er nach wie vor sein wissenschaftliches Gewicht bezüglich einer Weiterentwicklung der gegenwärtigen Schulstrukturen im Lande auf Zweigliedrigkeit lege. Selbst das schulpolitisch nicht unbedingt fortschrittliche Österreich sei inzwischen dabei, die Zweigliedrigkeit zugunsten einer „Schule für alle“ ernsthaft zu überprüfen. Wie sehr Hans Günter Rolff mit dieser kleinen „Spitze“ auch den Nerv der Gäste traf, davon zeugte der anschließend tosende Beifall im Saal.


Auch kritische Töne: HG Rolff spricht auf dem Podium Foto: R. Deimel

Johannes Siegrist stellte – die Runde abschließend – sein eigenes „Licht ein wenig unter den Scheffel“. Mit Blick auf den großen Erfolg von Klaus Hurrelmann, in Bielefeld die erste und einzige Fakultät für Gesundheitswissenschaften an einer deutschen Universität gegründet zu haben, stellte der Medizinsoziologe fest, dass er mit seinem Studiengang an der Medizinischen Fakultät in Düsseldorf bislang nur ein „kleines Anhängsel“ sei. Dabei spiele die Gesundheit der Bevölkerung sowie die Konzeptionen ihrer Förderung eine zunehmend größere Rolle. Auch der Zusammenhang von Bildung und Gesundheit sei inzwischen unübersehbar. Dieser Erkenntnis sei in Zukunft unbedingt in Lehre und Forschung mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei gehörten insbesondere diejenigen in den Fokus genommen, die gesellschaftlich am stärksten benachteiligt seien – dazu gehörten nun mal auch zu einem beachtlichen Teil Kinder und Jugendliche.

Alle Redner des Podiums versprechen sich für die Zukunft eine gelingende Zusammenarbeit mit dem neuen Emeritus, der keineswegs daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen. Insofern freut sich der ABA Fachverband auf eine weitere Kooperation mit ihm; dies gilt zum Beispiel auch für seine Mitgliedschaft im ABA-Fachbeirat. Für die bisherige Zusammenarbeit möchten wir an dieser Stelle ganz herzlich danken. Lieber Klaus Hurrelmann, für die weitere Zukunft alles Gute und – auch in politischer Hinsicht – viel Erfolg! Was die Zweigliedrigkeit einer künftigen Schule angeht: Da würden auch wir uns freuen, Sie demnächst als Kämpfer für die „Eine Schule für alle“ willkommen zu heißen.


Dortmund, 22. Januar 2009

Rainer Deimel

ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

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Fußnoten

(1) In diesen Gebieten hat er auch mehrere Bücher publiziert und herausgegeben, zuletzt mit Kollegen die Handbücher „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“, „Handbuch der Sozialisationsforschung“ und „Handbuch Gesundheitswissenschaften“. Zusammen mit seinen Lehrbüchern „Einführung in die Sozialisationstheorie”, „Gesundheitssoziologie”, „Lebensphase Jugend”, „Einführung in die Kindheitsforschung”, „Kinder stark machen für das Leben“, „Prävention und Gesundheitsförderung“ und „Gewalt an Schulen“ haben sie zusammen eine Auflage von 100.000 Exemplaren weit überschritten. Aus der Lehr- und Forschungstätigkeit sind mehrere englischsprachige Publikationen hervorgegangen, neben den Büchern „Human Development and Health“ und „Social Structure and Personality Development“ auch „International Handbook of Adolescence” und „International Handbook of Public Health” sowie der Sammelband „Health Risks and Developmental Transitions During Adolescence”. Klaus Hurrelmann leitete die Shell-Jugendstudien 2002 und 2006 und die World Vision Kinderstudie 2007 sowie 2008 die Stadtstudie „Berlin“ der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

(2) Afrikanisches Sprichwort: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.

(3) Anmerkung: Wir sollten in der Debatte die zum Teil unsägliche Rolle der Medien nicht außer Acht lassen. So ließ sich beispielsweise der „Stern“-Kommentator Hans Peter Schütz (STERN ONLINE vom 8. Januar 2009) dazu hinreißen, die Bemühungen der CSU, kindlichen Spielgeräuschen die Grundlage für eine Klagemöglichkeit vor Gericht zu entziehen, mit dem Hinweis auf ein „peinliches Klein-klein dieser Machart“ abzutun. Lieber Klaus Hurrelmann: Wir beschäftigen uns eben nur mit Kinderkacke!

 

Material zur Veranstaltung

Text der Abschiedsvorlesung vom 21. Januar 2009: Sozialisation - Bildung - Gesundheit - Politische Effekte wissenschaftlicher Forschung - Herunterladen

Weitere Fotos im Internet ansehen

Interview mit der "Neuen Westfälischen" vom 21. Januar 2009: "Der Abschied fällt mit schwer!"
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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 27. Januar 2009

 

 

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