ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Sicherheit auf Spielplätzen

 

 

 

Sand auf Kinderspielplätzen

Nachfolgendes Schreiben wurde am 9. Juni 2000 an die nordrhein-westfälisches Gesundheitsministerin geschickt. Um über die charakteristischen Merkmale von Sand auf Spielflächen zu informieren, wird der Brief hier veröffentlicht.

Rd.Erl. Ihres Hauses vom 16.3.2000 - II B 4 - 0292.5.31 - "Vorsorgender Gesundheitsschutz für Kinder auf Spielflächen"

Sehr geehrte Frau Ministerin,

in oben genanntem Runderlass heißt es unter 2.2. "Hygienische Anforderungen": "Aus hygienischen Gründen ist der Spielsand mindestens 1 x jährlich auszutauschen."
Wir können uns vorstellen, dass diese Vorgabe in "guter Absicht" in den Erlass aufgenommen wurde. Leider bleibt sie eine bürokratische und überflüssige Aufforderung, die möglicherweise gar das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bezwecken soll.
Wie selbst der TÜV inzwischen einräumt - dabei beruft er sich auf ein Gutachten des Landesgesundheitsamtes Stuttgart, das bereits aus dem Jahr 1974 resultiert - ist ein regelmäßiger Sandaustausch nicht sinnvoll. Es liegen auch keine neueren Kenntnisse vor, die dieses modifizieren würden. Dementsprechend empfiehlt das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg in einem Rundschreiben an die Kommunen des Landes einen Sandaustausch in Intervallen von höchstens drei bis fünf Jahren. Ähnliche Untersuchungsergebnisse sind auch in Bayern bekannt geworden.
Uns liegt erheblich an der Gesundheit von Kindern. Von daher möchten wir Sie bitten, den besagten Runderlass dringend zu ändern. Diplom Ingenieur Franz Danner vom TÜV in Bayern gibt folgendes zu Protokoll: "Die Höhe der Keimzahlen und der Anzahl der Würmer ist nicht vom Alter des Sandes, sondern nur von klimatischen Gegebenheiten und kurzfristigen Verunreinigungen vor der Probeabnahme abhängig. Zudem ist bei frischem Sand der Abbau von Kot wegen dem Fehlen von coliformen Keimen deutlich verzögert. Spielsand sollte deshalb regelmäßig mechanisch gereinigt werden (mit einem stehenden Sieb), um Fremdkörper und organische Anteile (Steine, Laub, Äste etc.) zu entfernen. Zugangsbarrieren (beispielweise Gitter im Boden) für Hunde sind sinnvoll. Zudem sollte im Kindergartenbereich eine Nachtabdeckung zum Schutz vor Katzen vorhanden sein. Bei der Anlage der Sandspielfläche sollte darauf geachtet werden, dass ausreichend Sonneneinstrahlung erfolgen kann und der Sand durch geeignete Drainage auch regelmäßig austrocknet, da dadurch die Höhe der Bakterienzahlen positiv beeinflusst wird."
Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, dass gutgemeinte Absichten ihr Ziel häufig völlig verfehlen. Auch an anderen Beispielen, auf die wir hier nicht eingehen wollen, wird deutlich, dass manche Kinderkrankheiten umweltbedingt provoziert werden. So nimmt es nicht Wunder, dass Kinder in den Slums von Kalkutta oder Bogotá, wenn man einmal von Ernährungsmängeln absieht, gesünder sind, als Kinder in Hochhaussiedlungen in Köln, Dortmund oder Düsseldorf. Überzogene Hygieneansprüche machen die Kinder nicht selten allergen beziehungsweise anderweitig krank; sie entwickeln immer weniger heilende Selbstorganisationskräfte.
Das hier geschilderte Beispiel "Spielsand" führt obendrein noch zu dem Effekt, dass in den Kommunen aufgrund erheblich steigernder Kosten überlegt wird, ob Spielflächen und Spielmöglichkeiten nicht lieber aufgegeben werden sollten, anstatt nicht nachvollziehbaren bürokratischen Vorgaben nachzukommen.
Sollten Sie daran interessiert sein, wären wir gern bereit, Ihnen unsere Positionen unter dem Thema "Risiko als Spielwert" in einem persönlichen Gespräch zu erläutern.
Wir würden uns im Sinne der Kinder in NRW, aber auch im Sinne der Kommunen freuen, wenn der "krankmachende" Erlass schnell geändert würde.
Ich erlaube mir, unsere Eingabe mit einem Zitat von Joachim Ringelnatz zu beenden: "Sicher ist, dass nicht sicher ist. Und das ist nicht sicher."

Mit freundlichen Grüßen

Rainer Deimel

Referent für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit

P.S.: Wie Sie sich denken können, war die Antwort der Bürokratie nicht zufriedenstellend. Nach längerer Zeit erhielt der ABA Fachverband die Antwort, der Erlass habe ohnehin nur empfehlenden Charakter. Im Übrigen gedenke man nicht, ihn zu ändern. Stichwort: Pilatus!

ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.| Clarenberg 24 | D-44263 Dortmund | e-mail: ABA@ABA-Fachverband.org