ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Kinder lernen VAKOG

Ganztagsschulen - ein Paradigmenwechsel?

Von Rainer Deimel

In der Folge von PISA stehen die bildungspolitischen Zeichen auf Veränderung. Hierin stecken Chan-ce und Gefahr zugleich. Gefahr vor allem deshalb, dass Reaktionen auf PISA schnellschussartig den Weg vom "mehr Desselben" beschreiten. Plötzlich besinnt man sich in der Politik diverser Tugenden wie einer verstärkten Übernahme sozialer Aufgaben und Verantwortung (1). Dies ist um so erstaunli-cher, als in den letzten zwei Jahrzehnten nichts unversucht blieb, Kinder und Jugendliche einerseits systematisch zu entmündigen, was seine Entsprechung in der scheinbar allgegenwärtigen "Betreu-ungs-Situation" findet, und andererseits der alltägliche "Über-Lebenskampf" für junge Leute zuneh-mend dramatischer wurde; dies wird deutlich in einer bisher nicht erlebten Orientierungslosigkeit. Unübersehbar auch die Tendenzen in Richtung mehr "Paukerei" und dies möglichst vom Kindergarten an. Diesen Weg zu beschreiten, hieße, die bislang offenkundig wenig erfolgreichen Bemühungen von Schule weiter zu manifestieren. Ein Beispiel: In jüngerer Zeit wird in Schulen vermehrt auf das "IT-Pferd" gesetzt. Kinder sollen "von Anfang an" elektroniktauglich gemacht werden, ohne dass sie zuvor "das echte Leben" auch nur ansatzweise gelernt hätten. Dabei wird zudem übersehen, dass "das Wissen", das Kinder in Sachen "Computer" erwerben, bei der Schnelligkeit der Entwicklung moderner Medien bereits nach dem Verlassen der Grundschule wieder überaltert sein muss.
Bevor wir uns weiter mit möglichen unbefriedigenden Folgen aus PISA beschäftigen, sollten wir den Blick nach vorn werfen. Eine der Grundlagen für eine kindgerechte Bildungskonzeption stammt von niemand Geringerem als von Albert Einstein. Sein "Ansatz" ließe sich in seinem Satz zusammenfassen: "Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich darin zurechtfinden." Er selbst schilderte seinen Weg zur Genialität dahingehend, dass er als Kind hinsichtlich seiner Entwicklung eher ein "Spätzünder" gewesen sei. In der Schule war er gar ein "Sitzenbleiber". Seiner Meinung nach aber war es gerade seine Langsamkeit, die ihm später nützlich war. Er schaffte es, in seine Arbeit zur Raum-Zeit-Beziehung (Relativitätstheorie) seine jugendliche Neugier und sein kindliches Staunen hinüber zu retten. Weiterhin war er der Auffassung, dass "früh Entwickelte" im Erwachsenenalter be-reits derart geprägt und festgefahren sind, dass sie kaum noch Raum für Kreativität entwickeln können.
Kinder sind unbelehrbar. Sie können nur lernen. Lernen zu lernen, das ist ein Weg, den erwachsene PädagogInnen mit Kindern entdecken und entwickeln müssen. Kinder lernen VAKOG - ein Kunstbegriff aus dem NLP. Kinder lernen ganzheitlich, unter Beteiligung aller ihrer Sinne, nämlich visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch. Schnell gelingt es der "überkommenen" Schule, Schwergewichte so zu verlagern, dass Ganzheitlichkeit kaum noch eine Rolle spielt. Bei fast allen Menschen mit einer "durchschnittlichen Schulkarriere" sind diese ungleich entwickelten Phänomene zu beobachten.
Die Entwicklung einer Ganztags-Grundschul-Konzeption kann nicht bedeuten, den ganzen Tag "Schule" zu haben. Im Gegenteil: Das, was jetzt Schule besonders ausmacht, müsste auf ein Minimum zurückgebracht werden. Kinder müssen sich entwickeln. Dazu hat beispielweise die Offene Ar-beit mit Kindern ganz hervorragend geeignete konzeptionelle Ansätze entwickelt. Die wohl originell-sten und konstruktivsten sind die des Abenteuerspielplatzes und des Kinderbauernhofes. Der 10. Kinder- und Jugendbericht (1998) bescheinigt diesen, dass sich dort "am ehesten originär kinderspezifische Ansätze" entwickelt hätten. Demzufolge empfiehlt die Bundesregierung deren flächendeckende Ausweitung. Damit es keine neuen Missverständnisse gibt: Spielen ist nicht zweckfrei; Spielen ist die bewährteste Bildungsmethode, zumal dann, wenn Spielen in einem spannenden, abenteuerlichen und gleichsam entspannenden Kontext stattfindet. Die Konsequenz kann im Grunde nur die sein, aus bisherigen Grundschulen völlig neue Lern- und Begegnungseinrichtungen zu kreieren, in denen Abenteuerspielplätze integrierte Bildungsbestandteile sein werden. Für die Kinder und Jugendlichen, die das Nobel-Internat Schloss Salem besuchen, ist dies seit langem selbstverständlicher Lebens- und Lernalltag. Für den Auf- und Ausbau derartiger neuer Bildungseinrichtungen ist Geld, Platz, Material und vor allem qualifiziertes Personal erforderlich.

Wenn wir uns vorstellen, dass es nicht darum geht, für den "Nürnberger Trichter" wieder neue Löcher in die Köpfe der Kinder zu bohren und auch nicht darum, Spielen weiterhin als "zweckfrei" zu verorten, kommen wir zu der Erkenntnis, dass sowohl auf Seiten der Schule als auch in der Jugendhilfe ein erheblicher Qualifizierungsbedarf besteht, dem es parallel mit dem Ausbau zur Ganztagsschule zu entsprechen gilt. In denjenigen Ländern, in denen die PISA-Studie nicht den fernöstlichen Drill als "Erfolgsgeheimnis" aufgedeckt hat, sondern Zuwendung, Angebote (Optionen, Optionen, Optionen ...)  und menschengerechte Förderung, können wir ebenfalls Ansätze finden, die den hier vorgeschlagen zumindest vergleichbar sind. Es spräche auch nichts dagegen, VAKOG (2) zum zentralen Bildungsansatz im Vorschulbereich zu entwickeln.

Datteln 2002

Anmerkungen:

1 Randbemerkung: Diese Ziele habe ich bislang während meiner beruflichen Tätigkeit zu keinem Zeitpunkt außer Acht gelassen.
2 Um an dieser Stelle nicht allzu tief in der Fachmaterie zu "versinken", wird darauf verzichtet, das kinästhetische System um die Aspekte des vestibulären, propriozeptiven und taktilen Systems zu erweitern. Interessierte Einrichtungen können mich im Bedarfsfall gern ansprechen, etwa um ein passgerechtes Seminar zu organisieren.

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