ABA Fachverband
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Anhörung im Rathaus Hannover


Gewaltige Haare - gewalttätige Jugend (Foto: Rainer Deimel)

Jugendgewalt: Experten kritisieren Pfeiffers Thesen

Verstärkung der Jugendgewalt durch Jugendzentren wird bezweifelt. Anhörung im Rathaus

Sind Jugendzentren Brutstätten der Gewalt? Die These des Kriminologen Christian Pfeiffer war Thema einer Expertenanhörung.

Hannover. Die Aufregung ist groß gewesen, als der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Juli 2008 seine Studie veröffentlichte. So groß, dass Jugendhilfe, Schul- und Migrationsausschuss nun zu einer Anhörung ins Rathaus luden.

Sieben Experten bezogen Stellung. Pfeiffer stand mit seiner Kritik allein. Der Forscher hatte im Rahmen einer Jugendstudie zum Thema Gewalt den Aspekt Jugendzentren in Hannover besonders beleuchtet. Ergebnis: Es kommt dort zur Massiven Ballung von Problemjugendlichen, die anfällig für kriminelles Verhalten sind. „Wer in ein Freizeitheim geht, wird mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit kriminell wie ein Hauptschüler“, so Pfeiffers Fazit.

Strittig sind nicht die Zahlen. CDU-Ratsfrau Gabriele Jakob spitzte zu: „Dann haben wir unser Ziel erreicht.“ Schließlich wolle man ja Problemjugendliche erreichen. Strittig aber ist Pfeiffers Verstärkungsthese von der Wirkung falscher Freunde: „Je mehr kriminelle Kontakte man hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, selbst kriminell zu werden.“ Da entwickle sich eine Eigendynamik, die kein Sozialarbeiter aufhalten könne.

Die „Erkenntnis der Lerntheorie“ verwies der Freiburger Sozialwissenschaftler Albert Scherr ins Reich der „Mythen und Legenden“. Er nannte Pfeiffers Methode, aus Korrelationen, also Beziehungen zwischen Daten, Kausalzusammenhänge zu konstruieren, für wissenschaftlich unhaltbar. Pfeiffers Argumentation sei eine „vorgeschobene Debatte“.

Denn offenbar gehe es dem Kriminologen, der die Jugendarbeit in die Ganztagsschule verlegen möchte, um eine Gesamtschuldebatte. „Bei idealen Schulen mit optimalen Pädagogen brauchten wir die Jugendzentren nicht“, meinte denn auch Scherr. „Doch die haben wir nicht.“ Pfeiffers Studie zeige eigentlich, dass Offene Jugendarbeit die einzige sei, die Problemjugendliche noch erreicht. Sie brauche aber gut ausgestattete Einrichtungen und viel Personal. Jugendhilfe und Schule sollten nicht als Konkurrenten gegeneinander ausgespielt werden.

Neue Presse Hannover vom 25. August 2009 – Von Andreas Krasselt

 

Gewaltförderung: Hannovers Jugendzentren im Visier

Prof. Christian Pfeiffer kritisierte am Montag erneut die offene Jugendarbeit als gewaltfördernd. Andere Experten teilen seine Einschätzung nicht

Hannover. Im vergangenen Jahr hatte Prof. Christian Pfeiffer Hannovers Jugendzentren ins Visier genommen. Sie seien ein verstärkender Faktor für Jugendgewalt, da sich dort Jugendliche mit besonderen Belastungen ballen. Gestern erläuterte Pfeiffer seine Thesen auf Einladung des Jugendhilfe-, Schul- und Migrationsausschusses und legte noch einmal nach. In Norddeutschland sei auch die Hauptschule eine problematische Einrichtung, wie eine neue Studie seines Instituts besage. „Wenn wir eine hohe Konzentration von sozial belasteten Jugendlichen in einer Institution haben, kann sie kippen wie die Berliner Rütli-Schule“, sagte Pfeiffer. Lehrer oder – im Fall eines Jugendzentrums – Sozialarbeiter könnten ab einem bestimmten Punkt nicht mehr gegen die Probleme anarbeiten.

In einer großen Studie hatte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen im Jahr 2006 Neuntklässler und Siebtklässler befragt. Jugendliche Gewalttäter hatten oft selbst Gewalt in der Familie erlebt, konsumierten häufig stark Alkohol oder andere Drogen oder gehörten oft zu den intensiven Schulverweigerern. „Der wichtigste Faktor sind aber delinquente Freunde. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, selbst kriminell zu werden, deutlich“, sagte Pfeiffer gestern. In der 2008 veröffentlichten Studie zu Jugendgewalt stellten die Forscher heraus, dass die Jugendlichen, die angaben, sehr häufig Jugendzentren zu besuchen, zu 45 Prozent mindestens fünf kriminelle Freunde haben, zu 43 Prozent massiv Alkohol konsumieren, zu 31 Prozent elterliche Gewalt erlebt haben und zu 50 Prozent häufig besonders gewalthaltige Medien nutzen. „Wir sollten deshalb alle Kraft in Ganztagsschulen stecken, die durch Theater und Sport Lust auf Leben wecken“, appellierte Pfeiffer. Die Kommunen könnten sich nicht alles nebeneinander leisten.

Doch keiner der anderen geladenen Experten mochte dem folgen. „Die Offene Jugendarbeit ist die einzige Form, mit der problematische Jugendliche überhaupt noch erreicht werden können“, sagte Prof. Albert Scherr aus der Expertengruppe Offene Jugendarbeit der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er verwies darauf, dass in die Zentren auch Schulschwänzer kämen und Jugendliche, die die Schule bereits verlassen haben. Sie könnten mit Ganztagsschulen nicht angesprochen werden. „Außerdem bleiben nach Schulschluss um 16 Uhr nachmittags und abends erhebliche Zeiträume“, betonte Scherr.

Prof. Rolf Pohl von der Leibniz-Universität Hannover äußerte zudem methodische Zweifel an der Studie. „Eine hohe Konzentration von gewalttätigen Jugendlichen in Jugendzentren sagt nichts über die Ursachen dafür aus“, sagte er.

Monika Taut, Fachfrau für Jugendkriminalität bei der Polizeidirektion Hannover, bestätigte die Studie zumindest darin, dass ein erheblicher Teil der Besucher von Jugendzentren aus problematischen Familien komme. Die Polizei halte die Arbeit von Jugendzentren parallel zur Schule aber für sehr wichtig. „Wenn man die Zentren auflöst, müsste sich die vielleicht bereits stark belastete Schule in der Nachbarschaft noch stärker mit diesen Jugendlichen befassen.“ Taut kritisierte in diesem Zusammenhang, dass das Personal in manchen Jugendzentren von drei auf eine Fachkraft reduziert wurde. Jörg Weihrauch vom Jugendverband SDJ-Die Falken erklärte, dass gerade gewaltbereite Jugendliche eine wichtige Zielgruppe der offenen Jugendarbeit seien. „Wenn es im Stadtteil knallt, werden wir gerufen, damit wir genau diese Jugendlichen in unser Haus holen.“ Er nannte den Mitternachtssport als eine kreative neue Form der Jugendarbeit, die erfolgreich der Gewaltprävention diene.

Hannoversche Allgemeine vom 24. August 2009 – Von Bärbel Hilbig

 

 

Seite eingestellt: 4. September 2009

 

 

 

 

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